
Wildpflanzen retten:
Vielfalt erhalten, Klima schützen
Pflanzen bieten vielen Lebewesen Nahrung, Lebensraum und Schutz. Sie beeinflussen klimatische Prozesse, die Bodenbildung und den Wasserhaushalt – kurzum sie bilden eine zentrale Grundlage der stark bedrohten biologischen Vielfalt. Unsere Mission ist es, den dramatischen Rückgang unserer Pflanzenvielfalt in Deutschland aufzuhalten und eine Trendwende herbeizuführen. Mit einem gezielten botanischen Artenschutz fördern und stärken wir unsere gefährdeten Wildpflanzenarten durch Maßnahmen wie der Einlagerung von Saatgut in Saatgutbanken, Erhaltungskulturen und Ansiedlungsmaßnahmen.
Ziel des Projekts WiVi-Klima (Wildpflanzen retten: Vielfalt erhalten, Klima schützen) ist der Aufbau eines langfristigen Kompetenznetzwerks Botanischer Artenschutz zur Förderung der Pflanzenvielfalt als eine Grundlage für den natürlichen Klimaschutz und die Wiederherstellung von Lebensräumen.
Seltene Wildpflanzen sind die stillen Heldinnen unserer Ökosysteme – unverzichtbar und doch oft übersehen. Deshalb brauchen sie starke Stimmen und entschlossenes Handeln. Genau dafür setzt sich das Projekt «Wildpflanzen retten: Vielfalt erhalten, Klima schützen» ein.
Adina Arth, Schirmherrin
Herausforderungen im Naturschutz
Fast die Hälfte aller Farn- und Blütenpflanzenarten sind in Deutschland gefährdet, und die Tendenz ist steigend. Seit Jahrzehnten ist der Trend negativ und viele Arten sind mittlerweile so selten geworden, dass sie aktuell vom Aussterben bedroht oder bereits ausgestorben sind. Noch schlechter sieht es für die Lebensräume aus. Hier sind zwei Drittel bereits verloren oder (stark) gefährdet (*). Der Rückgang der biologischen Vielfalt auf Ebene der Lebensräume, der Arten und der genetischen Vielfalt hat weitreichende Konsequenzen, die wir Menschen kaum absehen können.
Klimaresilienz beschreibt die Fähigkeit von Ökosystemen, die Auswirkungen des Klimawandels wie Hitze, Trockenheit oder Starkregen zu verkraften und sich daran anzupassen. Eine reiche, lebensraumtypische Pflanzenartenvielfalt ist für die Anpassungsfähigkeit und Klimaresilienz der Ökosysteme eine Voraussetzung. Natürliche Lebensräume mit hoher Artenvielfalt und stabilen ökologischen Prozessen können Störungen bzw. Veränderungen besser ausgleichen und sich schneller regenerieren. Darüber hinaus sind intakte Ökosysteme in der Lage in ihrer Biomasse große Mengen an CO2 zu speichern (Kohlenstoffsenken). So sind zum Beispiel artenreiche Wiesen im Gegensatz zu artenarmen Beständen wirksame CO2-Senken. Um Lebensräume wiederherzustellen, braucht es das richtige Inventar an Pflanzenarten, die als Primärproduzenten und Lebensraumbildner die Ökosysteme prägen. Durch Maßnahmen des In und Ex Situ-Schutzes setzen wir uns für den guten Zustand von Lebensräumen und damit den natürlichen Klimaschutz ein.
Deutschland hat sich international verpflichtet, zum Erhalt der Biodiversität beizutragen und den Artenrückgang zu stoppen (CBD (1992), COP 15 (2022), GSPC (2010), European Green Deal (2019), EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur (W-VO, 2023)).
Die W-VO (Wiederherstellungsverordnung) zielt darauf ab
- Lebensräume wiederherzustellen,
- ihrem sich verschlechternden Erhaltungszustand entgegenzuwirken und
- schwindende oder sogar aussterbende Populationen bestimmter Arten zu erhalten, zu stützen und wieder zu etablieren.
Bereits in der FFH Richtlinie von 1992 wurden hierfür Lebensraumtypen (LRT) und Arten von gemeinschaftlichem Interesse definiert. Entscheidend für den Zustand eines LRT ist das Inventar an charakteristischen Pflanzenarten. Um Lebensraumtypen wie in der W-VO (W-VO Art. 4 (1)) vorgegeben wiederherzustellen oder neu zu etablieren (W-VO Art. 4 (4)) ist der Aufbau dieses Pflanzenspektrums von essenzieller Bedeutung. Dabei ist die gesamte innerartliche (genetische) Vielfalt der Arten zu berücksichtigen. Eine hohe genetische Vielfalt erhöht die Fähigkeit von Arten sich an ändernde Umweltbedingungen (z.B. Klimawandel) anzupassen. Damit können auch in Zukunft stabile und widerstandsfähige Populationen aufgebaut werden. Sowohl im Aktionsplan der NBS 2030 (Punkt 1.1.6) als auch in der CBD (COP 16, Cali 2024, Target 4) wird der Erhalt der genetischen bzw. innerartlichen Vielfalt betont.
Unser Projekt soll dazu beitragen, die gesetzlichen Pflichten im botanischen Artenschutz und die Aufgaben der Länder im Biodiversitätsschutz zu erfüllen. Dabei fokussieren wir insbesondere auf seltene und gefährdete, sowie für die LRT wertgebende Arten. Der fortschreitende (durch den Klimawandel verstärkte) Rückgang der botanischen Artenvielfalt soll dadurch aufgehalten und die Wiederherstellung von Lebensräumen ermöglicht werden.

Gefäßpflanzenarten gibt
es in Deutschland (*)
der Farn- und Blütenpflanzenarten in Deutschland gelten
noch als ungefährdet (*)
Menschen können zu
ihrem Schutz beitragen
Unsere Expertise…
Botanische Gärten als international vernetzte Wissenschafts-, Sammlungs- und Bildungseinrichtungen engagieren sich schon seit Jahrzehnten erfolgreich im botanischen Artenschutz und leisten hierzu durch ihre Expertise in den Bereichen der gärtnerischen Praxis, Forschung & Lehre, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit einen wichtigen Beitrag. Sie erkennen in zunehmendem Maße ihre Verantwortung für die Erhaltung der Vielfalt der Pflanzenwelt und fühlen sich internationalen und nationalen Abkommen und Strategien verpflichtet (CBD, GSBC, GBF, deutsche Biodiversitätsstrategie).
Sie sichern die genetische Vielfalt und damit das Evolutionspotential der heimischen Flora in ihren Saatgutbanken, und sie pflegen und vermehren gefährdete Wildpflanzen in Erhaltungskulturen. Die Maßnahmen außerhalb der Naturstandorte (Ex situ) dienen als Ressource, um die natürlichen Wildvorkommen der Arten durch Ansiedlungen am Naturstandort (In situ) unter Berücksichtigung naturschutzgenetischer Kenntnisse zu unterstützen und zu fördern.
… und unser Angebot
Wir sind ein Verbund von bisher fünf botanischen Gärten, die seit über zehn Jahren Ex situ- und In situ-Maßnahmen deutschlandweit erproben und in verschiedenen Projekten Expertisen und Strukturen für die Sicherung und Förderung seltener Pflanzenarten aufgebaut haben.
Die Entwicklung des bundeslandübergreifenden Konzepts für den botanischen Artenschutz im WiVi-Klima-Projekt wird durch best practice Beispiele des gezielten botanischen Artenschutzes ergänzt. Die Maßnahmen umfassen die Sicherung von Saatgut in Saatgutbanken, den Aufbau von Erhaltungskulturen, wissenschaftlich begleitete Ansiedlungsmaßnahmen sowie die Einbettung der dabei entstehenden Daten in nationale und internationale Forschungsdateninfrastrukturen. Sämtliche Arbeiten führen wir in Zusammenarbeit mit zuständigen Behörden oder anderen Naturschutzakteuren nach Bedarf durch. Damit leisten wir einen Beitrag zum natürlichen Klimaschutz und zur Wiederherstellung von Lebensräumen.
Die Umweltministerinnen, -minister und -senatorinnen der Länder sehen die Notwendigkeit des Wildpflanzenschutzes in Deutschland auch im Hinblick auf die Bedeutung für die Erfüllung der nationalen und internationalen Biodiversitätsziele sowie der Wiederherstellungsziele (Verordnung (EU) 08.08.25 Seite 2 von 13)…)
Beschluss der 104. Umweltministerkonferenz am 16. Mai 2025 in Orscholz
(*) Metzing et al. (2018) Rote Liste und Gesamtartenliste der Farn- und Blütenpflanzen (Trachaeophyta) Deutschlands. – In: Metzing, D.; Hofbauer, N.; Ludwig, G. & Matzke-Hajek, G. (Red.): Rote Liste gefährdeter Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands. Band 7: Pflanzen. – Münster (Landwirtschaftsverlag). – Naturschutz und Biologische Vielfalt 70 (7): 13-358.
Bildquellen
- Primula farinosa: E. Zippel
- Gärtnerisches Arbeiten (D. Lauterbach): D. Lauterbach
